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Das das zwar gut gemeint, aber nicht gut getan war, war mir nicht bewusst. Es ist doch auch so possierlich, wenn sich die Tiere bis auf wenige Zentimeter nähern und sich um das Futter rangeln. Nicht umsonst ist das Füttern von Schwänen und Enten eine beliebte Freizeitbeschäftigung und täglich tausendfach an Deutschlands Seen zu beobachten. Doch zum einen sind weder Brot, noch andere für den Menschen produzierte Lebensmittel, als Nahrung für Wasservögel geeignet – sie schaden sogar ihrer Gesundheit. Zum anderen landen sowohl große Mengen ungefressenes Futter, als auch gefressenes in Form von Exkrementen, auf dem Seegrund. Je mehr Futter zur Verfügung steht, desto mehr Tiere siedeln sich an und beschleunigen den Sedimentaufbau weiter.
Was ein wesentlich größerer See mit einer Tiefe von mehreren zehn Metern und einer funktionierenden Wasserzirkulation vielleicht noch wegstecken kann, führt im Beispiel der Rheinaue dazu, dass der teichartige See über die Jahre – verzeihen Sie mir die Vereinfachung – regelrecht zugeschissen wurde.
Bis Anfang 2022 soll nun der See komplett saniert werden. 4,3 Millionen Euro stellt der Bonner Stadtrat dafür zur Verfügung. Ein wichtiger Schritt der Sanierung wird die Ausbaggerung der Sapropelschicht sein, nachdem zunächst die Fische umgesiedelt wurden und das Wasser des Sees abgelassen. Daraufhin sollen eine Sandschicht auf den Seegrund aufgetragen und schließlich Armleuchteralgen angepflanzt werden.
Um ihre Stärke zu verringern, wurde Anfang 2021 damit begonnen, ein Gemisch aus Mikroorganismen in die Sedimentschicht des westlichen Teils des Sees einzuspritzen. Die Mikroben sollen dabei helfen, den Sauerstoffgehalt im See zu erhöhen und in der Folge Teile des Sediments aerob abbauen. Die Mikrobenlösung wird von der Firma Emiko hergestellt und besteht aus EM.
EM (Effektive Mikroorganismen) – was ist das?
EM ist die Abkürzung für „Effektive Mikroorganismen“. Beide Bezeichnungen sind registrierte Warenmarken der japanischen „EMRO Inc.“, die Ihre Bakterienmischungen weltweit über Lizenznehmer*innen vertreibt. Wie genau die Mischungen zusammengesetzt sind, darüber gibt es von Emro und ihren Partner*innen keine Informationen. Bekannt ist, dass Mikroorganismen wie Hefepilze, Milchsäure- und Purpurbakterien enthalten sind, die sich in einer wässrigen Nährlösung aus Zuckerrohrmelasse vermehren, bevor sie ihren Einsatzzwecken zugeführt werden.
Und die können vielfältig sein. So empfiehlt Emiko EM nicht nur für die Gewässersanierung, sondern auch für die Bodenverbesserung im Garten („sorgen für regenerative Prozesse“), für die Pflege von Haustieren („können in ihrer Konstitution gestärkt werden“), als Kosmetik („macht die positiven Schwingungen der EM nutzbar“) oder auch als Reinigungsmittel im Haushalt („wer negativen Mikroorganismen im Haus den Raum zur Vermehrung entzieht, profitiert gesundheitlich“).
Das zugrundeliegende Prinzip ist folgendes: Nach der EM-Theorie gibt es „gute“, „schlechte“ und „neutrale“ Mikroorganismen. Die guten wirken dabei „aufbauend“, während die schlechten sich der Eigenschaften „krankheits- und fäulniserregend“ schuldig machen. Die neutralen Mikroorganismen wiederum, so die Theorie, seien „Mitläufer“ und unterstützen entweder die guten oder die schlechten Mikroorganismen, je nachdem, welche der zwei Parteien gerade in der Mehrheit sei. Je nach der vorhandenen Menge guter oder schlechter Bakterien entstünde so ein entweder „positives“ oder „negatives Milieu“, das die in ihm lebenden Makroorganismen, wie den Menschen oder Pflanzen, entsprechend beeinflusst.
Effektive Mikroorganismen: Umstrittene Theorie
Soweit zur postulierten Theorie. Sie darf vor dem Hintergrund der äußerst komplexen und wissenschaftlich noch lange nicht verstandenen Zusammenhänge zwischen Mikroorganismen und ihrer Umwelt zumindest als stark vereinfachend angesehen werden. Während EM-Hersteller wie Emiko ihre Produkte in blumiger, teils ins parawissenschaftliche abgleitender Sprache anpreisen, kommen Studien zum Schluss, dass ein positiver Effekt von EM in verschiedenen Anwendungsgebieten kaum oder nicht feststellbar ist oder nicht auf die Mikroben zurückgeführt werden kann. Beispielsweise stellte eine Studie zum Einsatz von EM im Gartenbau unter anderem fest, dass der positive Einfluss der EM-Lösung auf der enthaltenen Melasse basiert, die reich an Phosphaten und somit düngewirksam ist, und nicht auf den Mikroorganismen in der Lösung. Insgesamt darf die Studienlage zu EM als äußerst dürftig bezeichnet werden.
Effektive Mikroorganismen: Eine Impfung für den See
Seit 20 Jahren funktioniere das Verfahren der Seebeimpfung in mehr als 100 Ländern, lässt Emiko wissen. Beispiele lassen sich aber nur schwer finden und wenn, dann ist auch immer von begleitenden Maßnahmen, wie Besprudelung des Wassers und mechanischer Entfernung von Sedimenten die Rede. Wie nachhaltig die Behandlungen waren und wie viel des Erfolgs tatsächlich auf Effektive Mikroorganismen zurückzuführen ist, lässt sich nicht finden.